Nordkalottleden Trailhead in Kautokeino
Nordkalottleden

Nordkalottleden: Tag 1

Anfang Juli 2019 brach ich auf, den Nordkalottleden zu wandern. Es lief dann alles ein wenig anders als geplant. So war der erste Tag auf dem Trail.

Der Start

Mittags ging mein Bus von Alta nach Kautokeino und ich war so aufgeregt. Wie ein kleines Kind an Weihnachten saß ich im Bus und habe mich auf die Wanderung gefreut. In Kautokeino angekommen, habe ich mir an der Tankstelle einen letzten Burger reingefuttert, Henkersmahlzeit quasi, und bin dann zum Trailhead aufgebrochen. Mein Rucksack hatte inzwischen an die 19 Kilo und war einfach viel, viel, viel zu schwer.

Am Trailhead wurde ich erstmal von dem Hund begrüßt, den ich schon aus dem Nordkalottleden Video und Text von Carsten Jost kannte. Nach ein bisschen Ohrenkraulen ging es endlich auf den Trail!

Endlich die ersten Kilometer

Endlich wieder norwegischen Boden unter den Füßen! Endlich wieder über Steine und Dreck und ohne wirklich befestigten Weg laufen. Endlich durch äääh, Sumpf laufen. Ja, Sumpf. Die ersten Etappen den Nordkalottleden zeichnen sich nämlich durch ihren Sumpf aus. Das wusste ich vorher schon und war vorbereitet! Meine Gamaschen waren sicher im Rucksack verstaut und ich hatte einfach keine Muße, das 19 Kilo Gerät abzusetzen wenn es nicht unbedingt nötig war. Deshalb blieben meine Gamaschen auch im Rucksack. Die ersten Sumpffelder waren noch easy zu durchlaufen. So easy wie knöcheltiefer Sumpf halt ist. Wenn man auf die Pflänzchen tritt, sinkt man übrigens nicht allzu tief ein. Irgendwann ist mein linker Fuß dann so weit eingesackt, dass mir von oben Wasser in den Schuh gelaufen ist und mein Socken durchtränkt war. Ok, cool! Wird schon trocknen, Schuh und Socken ja noch 800 Kilometer Zeit. Weiter ging’s.

Nach 5-6 Kilometern hat sich zum ersten Mal der Durst gemeldet und ich habe festgestellt, dass es ein wenig optimistisch war, nur mit 3/4 gefüllter Wasserflasche loszulaufen. Es gibt ja überall in Norwegen fließend Wasser! hatte ich vorher noch zu meinem Freund gesagt. Ja, überall in Norwegen, außer bei Kautokeino. Hier gibt es Wasser nämlich nur als Sumpf und den möchte man ohne Filter wirklich nicht trinken (hätte ich einen Filter mitgehabt, hätte ich wahrscheinlich auch den Rucksack absetzen müssen und hätte deshalb eh nicht getrunken, aber egal). Gut, muss ich halt haushalten, hab ich gedacht und weiter ging es.

 

Der Sumpf

Bei Kilometer 10 kam dann mein großer WTF Moment: ich stand vor dem Sumpf. Nicht vor irgendeinem Sumpf, sondern dem 200 Meter Sumpffeld (vielleicht auch größer), durch das der Weg durchführt. Okay. Was jetzt? Der Weg führt halt durch und andere Leute haben das auch schon geschafft. Also ging ich los. Und blieb stecken. Bis zum Oberschenkel. Und ich konnte dabei meine Füße nicht mehr bewegen.

Ich bin sehr froh, dass mich solche Situationen nicht aus der Ruhe bringen und ich nicht in Panik ausbreche. Das ist auch das Allerwichtigste wenn man bis zum Oberschenkel im Sumpf hängt. Jede panische Bewegung hätte mich noch tiefer reingezogen.

Was macht man, wenn man bis zum Oberschenkel im Sumpf steckt? Zu allererst bringt man alles aus den Hosentaschen in Sicherheit, was kein Wasser verträgt. Dann macht man ein Foto für den Freund zuhause und wartet, bis er die Nachricht gesehen hat. In Lappland ist wunderbarstes 4G, von dem der Odenwald und andere Regionen in Deutschland nur träumen können! Hat die Nachricht 2 Häkchen, ruft man an und sagt Ich stecke gerade im Sumpf. Bitte sag etwas, das mich beruhigt und dann sag mir, wie ich hier wieder heraus komme. Man hat nämlich am Tag vor dem Abflug gemeinsam ein Video geschaut, in dem sich Bear Grylls aus Sumpf befreit (man hat aber selbst nicht hingeschaut weil „sowas passiert mir eh nicht!“).

Setz den Rucksack ab!

Setz den Rucksack ab und nehm ihn als Fläche, auf die du dich stützen und herausziehen kannst. Ja, Schlauberger! Im Rucksack waren alle meine Sachen. Meine Kamera, mein Zelt, meine Klamotten. Den setze ich sicherlich mitten im Sumpf ab. Vor allem wiegt er 19 Kilo, den setze ich sicher im Sumpf ab!

Man befreit sich durch sehr langsame Bewegungen aus dem Sumpf. Idealerweise kann man sich auf seinen Stöcken (meine steckten im Rucksack) oder dem Rucksack abstützen.

Nach dem Telefonat habe ich tatsächlich alle Riemen am Rucksack geöffnet. Nur um dann laut Ich will meinen scheiß Rucksack aber nicht absetzen! zu schreien. Und dann habe ich meine Beine langsam aus dem Sumpf herausgehebelt. UND ES HAT FUNKTIONIERT!

 

Ahjo, lauf ich halt um den Sumpf drumherum

Was ist die logische Konsequenz, wenn man nicht durch den Sumpf laufen will oder kann? Man läuft drumherum. Scheiß auf die zusätzlichen Kilometer.

Nach einer kurzen Verschnauf-, Tanz- und „ich bin okay“ Pause habe ich also meine Kraft gesammelt und bin losgelaufen, den Sumpf zu umlaufen. Mit nassen Schuhen und nasser Hose. Es war ein Traum! Eine richtig gute Idee. Den Rucksack hatte ich nach wie vor nicht abgesetzt (er war schließlich sehr schwer).

Ich bin überzeugt, dass man den Sumpf an dieser Stelle umlaufen kann. Es ist nicht schön, aber es sollte klappen. Meine Resignation kam, als ich auf der Karte das zweite Sumpffeld gesehen habe und keine Möglichkeit, mein Zelt irgendwo in der Nähe aufzubauen und am nächsten Tag weiterzulaufen. Mehr Sumpf konnte ich an diesem Tag nicht ertragen und auch am nächsten wahrscheinlich nicht. In meinen Schuhen stand das Wasser und ich habe erst kurz vorher gesehen, was Wasser in Wanderschuhen mit Füßen machen kann.

Nur noch ins Zelt, bitte

Plötzlich war meine komplette Motivation wie weggeblasen und ich wollte nur noch zelten. Leider lag mein Standort zu tief und deshalb war es überall ein wenig feucht und sumpfig. Ich bin also umgekehrt, 2 Kilometer zurück und auf eine Anhöhe gelaufen, wo ich irgendwo eine ausreichend große Fläche für mich und mein Zelt gefunden hatte. Mit großem Dank an die Mitternachtssonne (es war inzwischen 1:30 Uhr Nachts) habe ich meine Klamotten zum Trocknen rausgehangen und zum ersten Mal das Wasser aus den Schuhen gekippt. Im Zelt hatte ich mein Geld zum Trocknen aufgehangen. Alles war nass. Einfach alles. Selbst in meinen Rucksack hat es das Wasser geschafft. Aber der Schlafsack war trocken und das war im Moment das wichtigste.

Ein kurzer Reminder an meine Wasser-Situation: meine Flasche hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht auffüllen können und sie war noch ca. ein Viertel voll. Zum Glück hatte ich eine Orange im Rucksack (vergessen, vor dem Start zu essen) und konnte mir an diesem Abend Flüssigkeit darüber reinholen. War top! Ich würde meine Flasche beim nächsten Versuch auf jeden Fall vorher voll machen.

 

Der erste Abbruch

Nach eingehendem Studium der Sumpfflächen in Komoot habe ich entschieden, die erste Etappe abzubrechen, meine Schuhe zu trocknen und 200 Geh-Kilometer südlich in Kilpisjärvi erneut zu starten. Hier beginnt nämlich die zweite große Etappe des Nordkalottleden.

Man kann übrigens die Straße gegenüber der Circle K Tankstelle in Kautokeino nehmen und den Sumpf damit komplett umlaufen. Das habe ich dann auf dem Campingplatz von einer Schwedin erfahren, die gerade los lief als ich dort ankam.

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