McWay Falls in Kalifornien, Urlaub ohne Instagram
Gewohnheiten

Urlaub ohne Instagram

Ich habe das Undenkbare getan und bin ohne Instagram in den Urlaub gefahren. War man überhaupt im Urlaub, wenn man es nicht im Internet zeigt? Wie dem auch sei, Urlaub ohne Instagram war krass. Und das im positivsten Sinne, den man sich vorstellen kann.

Das interessiert mich alles nicht

Seit ein paar Monaten war ich schon von Instagram genervt und habe die App trotzdem weitergenutzt. Meine Postings wurden weniger weil ich zu oft kurz vorm Veröffentlichen einer Story oder eines Fotos „ach, das interessiert doch niemanden“ dachte. Bei den meisten Beiträgen von anderen Leuten dachte ich „das interessiert mich alles nicht“. Trotzdem habe ich das Handy nach 10 Minuten wieder in die Hand genommen und die App geöffnet. Fear of missing out, Instant Gratification, Sucht – wahrscheinlich ein Mix aus allem. Nachdem die letzten Tage vor meinem Urlaub ihren Nerv-Höhepunkt erreicht hatten, habe ich die App im Flugzeug gelöscht. 14 Stunden Flug waren der kleine Entzug und wenn man schon im Game ist, warum sollte man dann nicht direkt weitermachen? Die für mich komplett fremde Umgebung und der völlig andere Tagesablauf im Urlaub haben es nur noch leichter gemacht, auf das Netzwerk zu verzichten.

Als ob eine Last abfällt

Vor ein paar Tagen habe ich eher zufällig ein Video dazu geschaut, wie es ist, auf Social Media zu verzichten. Vor allem der Satz, in den ersten Tagen fühle es sich an, als würde eine Last von einem abfallen, ist mir davon im Kopf geblieben. So war es bei mir auch. Ich habe mich bereits direkt nach dem Deinstallieren freier gefühlt. Das gleiche Gefühl hatte ich schon im letzten Sommer als ich zum ersten Mal meinen Twitter-Account deaktiviert hatte. Zu keinem Zeitpunkt in den letzten 4 Wochen ohne Instagram hatte ich das Gefühl, ich würde etwas verpassen. Stattdessen habe ich total viele kleine Veränderungen an mir bemerkt.

Die größte Veränderung war mein Fokus auf die Dinge, die ich erlebe. Zu Instagram-Zeiten habe ich unbewusst in Storys oder Beiträgen gedacht. „Ist das wert, auf Instagram gepostet zu werden? Passt es zu dem Bild, was ich dort von mir aufgebaut habe?“ – so habe ich vorher unbewusst viele Situationen bewertet. Vor allem im Urlaub, wo man natürlich all den Personen, die dem eigenen Account folgen, mitteilen möchte, was für ein geiles Leben man eigentlich führt.

In diesem Urlaub ohne Instagram konnte ich alles viel unbeschwerter und bewusster erleben. Kein Verrenken für die lustigste Story, kein „ich bin im Paradies und ihr habt Montag“. Einfach ungefilterte Erlebnisse, die ich nur mit der Person geteilt habe, die dabei war.

Ähnliches habe ich schon nach dem Löschen von Twitter festgestellt. Hier hatte ich seit 2009 mehr oder weniger in 140 Zeichen gedacht und in allem eine Pointe oder eine pfiffige Formulierung gesucht. Man weiß ja irgendwann, was den Follower*innen schmeckt und wofür es die meisten Likes gibt. Als das wegfiel, fiel irgendwie auch eine Last von mir ab. In beiden Netzwerken.

So ein Tag ohne Instagram ist echt lang

Die zweite Erkenntnis: Ein Tag kann echt richtig lang sein wenn man nicht ständig sein Telefon in der Hand hat und im Internet rumdengelt. Ohne Instagram und Twitter hatte mein Handy nur noch wenige Funktionen für mich. Ich habe auf Facebook etwa 95% meiner Kontakte stummgeschaltet, sodass dieses Netzwerk echt langweilig ist und nicht selten anderthalb Tage nichts neues passiert. Mein Gehirn hat das inzwischen gelernt und Facebook ist der letzte Halm, an dem ich mich beim Prokrastinieren festhalte.

Ich hatte mal eine App installiert, die meine Smartphone Nutzung getreckt hat. Für jede App hatte ich maximal eine Stunde Nutzungsdauer am Tag eingestellt. Instagrams Stunde hatte ich meistens schon am Vormittag erreicht. Das gibt einen kleinen Einblick, wie intensiv ich die App genutzt habe.

Durch das Nicht-Nutzen von Instagram war mein Tag plötzlich 4 Stunden länger. Im Urlaub ist es mir nicht aufgefallen, aber jetzt im Nachhinein zuhause schon. Und diese Mehrzeit führt dazu, dass ich wieder andere Dinge tue, die mir Spaß machen, für die ich vorher einfach „keine Zeit“ hatte. Ich lese mehr. Ich arbeite mehr an meinen privaten Projekten. Und ich habe Zeit, mich mit mir selbst zu beschäftigen, mit meinem Leben, anstatt mich im Internet mit fremden Leuten zu beschäftigen. Ich würde gerade den letzten Punkt mal ungewohnt und erfrischend nennen.

Auswirkungen auf meine Stimmung

Ein Ding, das ich vor allem nach dem Löschen von Twitter festgestellt habe, das durch das Löschen von Instagram noch einen kleinen Push bekommen hat, ist die Veränderung auf meine Stimmung. Ich bin viel fröhlicher geworden. Während ich (vor allem zu Twitter-Zeiten) alles ein bisschen negativ gesehen habe und über Kleinigkeiten gemotzt oder mich an Dingen, die ich eh nicht ändern kann, gestört habe, bin ich jetzt viel fröhlicher. Nach dem Löschen von Instagram habe ich gemerkt, dass ich viel mehr lache. Das hat mich total überrascht weil ich eigentlich den Eindruck hatte, ich wär schon recht gut drauf. Ich kann es nicht erklären, aber es fühlt sich gut an.

Ein anderer Punkt aus dem Video, von dem ich oben schon gesprochen habe, war, dass man sich durch Social Media mit Themen beschäftigt, mit denen man sonst nichts zu tun hätte. Das ist einerseits total gut. Instagram hat mir viele Eindrücke und Blickrichtungen eröffnet, vor allem was Mental Health oder Body Positivity und andere wichtige Dinge angeht. Aber genau das hat mich irgendwie auch belastet. Mein Kopf war voller und das zu Zeitpunkten, wo ich mich von mir aus gar nicht mit den Themen beschäftigen wollte. Social Media setzt irgendwie die Agenda dessen, womit man sich beschäftigt, egal ob es gerade passt oder nicht. Im positiven und im negativen Sinne. Jetzt bestimme ich wieder selbst darüber, wann ich über welche Dinge nachdenken will.

Und jetzt?

Ich habe beschlossen, weiterhin auf Instagram zu verzichten und zu schauen, wie ich damit klar komme. Vielleicht schaffe ich es, einen gesunden Umgang mit der App zu finden, vielleicht stelle ich fest, dass mir echt nichts fehlt und ich nutze sie einfach nicht weiter. Vielleicht komme ich aber auch zurück und suchte noch härter als zuvor (ich hoffe nicht).

Mit Twitter pflege ich zur Zeit eine On-Off-Beziehung. Ich logge mich immer mal wieder ein um dann sehr schnell festzustellen, dass mir das Posten keinen Spaß mehr macht und dass mich das meiste, was dort geteilt wird auch echt nicht interessiert. Ich habe festgestellt, dass ich dort sehr schnell in das alte Muster von „App öffnen, aktualisieren, App schließen, App kurz drauf wieder öffnen, nichts neues, schließen, Öffnen“ verfalle. Und das Bewusstsein darüber stört mich massiv. Also wird Twitter mich wohl die letzten 10 Jahre begleitet haben, aber in Zukunft nicht mehr. Aktuell würde ich sagen, dass es Instagram ähnlich gehen wird.

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